A WHISPER IN THE NOISE
22.02.2008, 20:54 Uhr » Konzerttipp
*** A WHISPER IN THE NOISE (Hanska, Minnesota, USA) + HELIGOLAND (Melbourne, Victoria, Australia / Paris, Île de France, France) * Samstag, 8. März 2008 @ Gleis 22 * Einlass: 20.30 Uhr, Beginn: 21.00 Uhr * VVK: 8,- Euro, AK: 10,- Euro ***
Wer sehnsüchtig auf den Frühling wartet, jeden Tag die Krokusse anfeuert ("Los! Blü-hen!") und jedem Sonnenstrahl Glückwunschkarten schickt, der / die sollte sich vielleicht dann doch lieber nicht zum A WHISPER IN THE NOISE / HELIGOLAND-Konzert an der Hafenstraße einfinden, denn zusammen vertonen die geographisch höchst ungleichen bands lieber den allertiefsten November: Nasses Laub, dichter Nebel, nebst Schneeregen draußen in der Natur, Totensonntag im Herzen, "these are the dark days painted in greys", fürwahr: WEST DYLAN THORDSON, mastermind von A WHISPER IN THE NOISE, ist wahrlich ein Trauerkloß erster Güte und wagt es sogar, seine Ganzjahresdepression nicht einmal mehr ironisch zu brechen, so sehr zieht einen die Musik seines Projekts herunter in den Hades der Gefühle: Klassisch instrumentiert (Flügelhorn, Piano, Cello, Violine und ... Spieldose!), unter Zuhilfenahme von ein paar akustischen Gitarren und einem eher an Trauergottesdienst-Kirchenglocken erinnerndes "Schlagzeug", kreieren THORDSON und seine Mitstreiter/-innen einen dunkel mäandernden (Mael-)Strom, in dem man gerne suizidal ertrinkt ...
Das Ganze ist irgendwie (Horror-)Filmmusik, meinetwegen auch (emo) post rock, der allerdings mit dem Destruktionspotential von death metal daher kommt, auch wenn der Nihilismus von A WHISPER IN THE NOISE musikalisch völlig andere Wege geht: Da schauen mal NICK CAVE, GUSTAV MAHLER und sogar KURT WEILL vorbei ("The tale of two doves" erinnert mit seinen (vergleichsweise fidelen) Fideln tatsächlich an die 20er Jahre!), die kanadisch-apokalyptischen bands GODSPEED YOU BLACK EMPEROR! und A SILVER MT. ZION bilden das musikalisch-ideologische Grundgerüst und ausgerechnet das europäische metal-Publikum kann diesem unheilvoll brodelnden Gemisch wohl das meiste abgewinnen, nicht umsonst ist das neue Album "Dry land" die "Platte des Monats" in der Dezember 2007-Ausgabe der "Visions". Und höchstwahrscheinlich wird sich auch der / die ein(e) oder andere Schwarzgewandete sich aus seiner / ihrer Spinnweben-verhangenen 80er Jahre-Matratzengruft erheben und zu einem A WHISPER IN THE NOISE-Konzert pilgern, denn wenn die valkyrenhafte und optisch an NICO erinnernde Violinistin von A WHISPER IN THE NOISE ihre Chorgesänge (z. B. bei dem genialischen "Hell's half acre") anstimmt, fühlt man sich (wenn auch nicht gerade lebhaft, sondern eher totengleich) an DEAD CAN DANCE erinnert.
Dabei machen A WHISPER IN THE NOISE letztendlich eigentlich nur "folk", covern / vernichten BOB DYLAN ("The times, they are a-changing" wird jeglicher Optimismus geraubt und mutiert zum Grabgesang, yes!) und sind musikalisch so un-urban wie nur geht. Allen voran WEST DYLAN THORDSON, der wie ein manischer Wanderprediger (16 HORSEPOWER / WOVEN HAND lassen grüßen!) aussieht, genauso singt und sein verschrobenes OSCAR WILDE-dandy-image lieber auf dem platten Land der minnesotischen Prärie zelebriert, als in der nächsten hippen Großstadt-bar einen vom Teufel geweihten cocktail herunter zu stürzen. Konsequenterweise spucken seine Texte dann auch dem American way of life Gift und Galle in sein selbstzufriedenes Gesicht, nicht nur "The song you hate" hat das Vernichtungspotential einer Atombombe ... ("The themes dealt with lyrically are distinctly 'dark' and keep with the tone of the music. The topics range from poetic reminiscences of lost or abandoned love, rage at cultural injustice, greed, and shallowness, and a kind of drifting melancholy that seems to hover on the edge of violence." (Wikipedia))
A WHISPER IN THE NOISE: Spätherbst im Vorfrühling, kein Sonnenstrahl, nirgends; NEUROSIS lauern um die Ecke, aber dann ... das letzte Stück von "Dry land" heißt "True love will find you in the end". Na, also: Nicht nur der neue James Bond-Film darf sich demnach A QUANTUM OF SOLACE nennen, sogar Herr THORDSON hat eine Lichtung in seinem nachtschwarzen Herzen gefunden ...
Vorher gibt's elegischen shoegazer indie rock von HELIGOLAND, die sich offenbar tatsächlich nach dem deutschen Eiland benannt haben - ursprünglich aus Australien, lebt man / frau inzwischen in der französischen Hauptstadt. Trotz einschneidenden Breiten-, und Längengradwechsels scheint dem Quartett immer noch nicht die Sonne aus dem Arsch: Die leisesten Akkorde der indie pop-Geschichte vorsichtig und verhuscht anspielend, verharrt man in stoischer slow core-Tradition zwischen CODEINE, LOW, MY BLOODY VALENTINE und der MAX GOLDT'schen Lieblings-band COCTEAU TWINS und schreibt todtraurige Wiegenlieder, mit denen man vielleicht little babies in da cradle rocken kann, die aber ansonsten völlig untanzbar daher kommen (es sei denn, man kann Zeitlupe) und schlichtweg von berückender Schönheit sind.
::: Links :::
- http://cdbaby.com/cd/awitn3
- http://www.myspace.com/awitn
- http://www.awhisperinthenoise.com
- http://en.wikipedia.org/wiki/A_Whisper_in_the_Noise
- http://www.heligoland.org
- http://www.myspace.com/heligoland

